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Gericht:Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg 9. Senat
Entscheidungsdatum:14.12.1992
Aktenzeichen:NC 9 S 26/92
ECLI:ECLI:DE:VGHBW:1992:1214.NC9S26.92.0A
Dokumenttyp:Beschluss
Quelle:juris Logo
Normen:§ 6 KapVO BW vom 30.04.1991, § 13 Abs 1 KapVO BW vom 30.04.1991, § 13 Abs 4 KapVO BW vom 30.04.1991

Zur Ermittlung der Aufnahmekapazität und Festsetzung der Zulassungszahlen im Studienjahr 1991/92; hier: Medizinstudium an der Universität Ulm

Leitsatz

1. Zur Zulässigkeit einer Ermäßigung der Lehrverpflichtung einer Lehrperson, die die Aufgabe einer Frauenbeauftragten an der Universität wahrnimmt.

2. Die kapazitätsmindernde Erhöhung der Lehrnachfrage im vorklinischen Teil des Studiengangs Medizin aufgrund der Reform des Medizinstudiums durch die 7. Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte ist verfassungsrechtlich zulässig.

3. Die Curricularanteile der Seminare in den Fächern Anatomie, Physiologie und Biochemie nach dem ZVS-Beispielstudienplan vom 21.12.1989 sind nicht im Verhältnis 12:14 zu verringern.

4. Gegen den Ansatz einer Betreuungsrelation von 20 und eines Anrechnungsfaktors von 1,0 bei den Seminaren in Anatomie, Physiologie und Biochemie bestehen keine rechtlichen Bedenken.

Fundstellen ausblendenFundstellen

Abkürzung Fundstelle VGHBW-Ls 1993, Beilage 2, B7-8

Verfahrensgang ausblendenVerfahrensgang

vorgehend VG Sigmaringen, 5. März 1992, Az: XX

Diese Entscheidung wird zitiert ausblendenDiese Entscheidung wird zitiert


Gründe

1

Die - zulässige - Beschwerde ist unbegründet. Zu Recht hat das Verwaltungsgericht dem auf vorläufige Zuweisung eines Studienplatzes als Studienanfänger im Studiengang Medizin nach den Rechtsverhältnissen des Wintersemesters 1991/92 gerichteten Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung - unter Begrenzung auf den vorklinischen Studienabschnitt - stattgegeben. Der Antragsteller/die Antragstellerin hat einen entsprechenden Anordnungsanspruch glaubhaft gemacht, der durch Zeitablauf gefährdet und daher im Wege der einstweiligen Anordnung sicherungsbedürftig ist (§ 123 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 VwGO, § 920 Abs. 2 ZPO). Bei summarischer Prüfung ist die durch die Zulassungszahlenverordnung 1991/92 des Wissenschaftsministeriums vom 19.6.1991 (GBl. S. 404) - ZZVO 1991/92 - normierte Zulassungszahl von 285 Studienplätzen der Medizin für das Studienjahr 1991/92 - davon 15 nur für den vorklinischen Studienabschnitt - zu niedrig festgesetzt. Allerdings gelangt der Senat nicht, wie das Verwaltungsgericht, zu einer Zahl von weiteren 27, sondern nur von weiteren 11 vorklinischen Studienplätzen.

2

Rechtsgrundlage für die Ermittlung der Aufnahmekapazität und die Festsetzung der Zulassungszahlen im Studienjahr 1991/92 sowie Prüfungsmaßstab im gerichtlichen Verfahren sind die Vorschriften der Kapazitätsverordnung des Wissenschaftsministeriums vom 18.4.1990 (GBl. S. 134), geändert durch Verordnung vom 30.4.1991 (GBl. S. 270) - KapVO VI -. Danach ergibt sich die jährliche Aufnahmekapazität eines Studiengangs aus einer Teilung des verfügbaren Lehrangebots durch denjenigen Anteil am Curricularnormwert (CNW; vgl. §§ 6, 13 Abs. 1 Satz 1 KapVO VI), der auf die Lehreinheit entfällt, welcher der Studiengang zugeordnet ist (Eigen-Curricularanteil CAp, vgl. § 13 Abs. 4 KapVO VI und Gleichung 5 unter II der Anlage 1 zur KapVO VI).

3

Das Lehrangebot der Lehreinheit Vorklinische Medizin der Antragsgegnerin besteht aus den Stellen für Lehrpersonen, die den Fächern Anatomie, Biochemie, Physiologie, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie zugeordnet sind. Die Antragsgegnerin hat unter Anwendung der in der Lehrverpflichtungsverordnung der Landesregierung vom 24.2.1986 (GBl. S. 46), geändert durch Verordnung vom 4.4.1989 (GBl. S. 118), - LVVO - normierten Lehrdeputate, also der im Rahmen des Dienstrechts festgesetzten, in Deputatstunden gemessenen Regellehrverpflichtungen der einzelnen Stellengruppen im Sinne von § 9 Abs. 1 KapVO VI, ein Gesamtlehrangebot von 284 SWS ermittelt (92 SWS für Anatomie, 72 SWS für Biochemie, 84 SWS für Physiologie, 24 SWS für Medizinische Psychologie und 12 SWS für medizinische Soziologie), wogegen Bedenken nicht zu erheben sind.

4

Das Gesamtlehrangebot hat die Antragsgegnerin wohl zu Recht um 12 SWS gekürzt mit der Begründung, daß das Wissenschaftsministerium in diesem Umfang Lehrverpflichtungen für die Wahrnehmung sonstiger Aufgaben und Funktionen in der Hochschule ermäßigt hat (§ 9 Abs. 2 LVVO, § 9 Abs. 2 KapVO VI). Die Kürzung um je 4 SWS für die beiden Dauerangestellten Dr. S. und Dr. T. wegen ihrer außerhalb der Lehre stehenden Dienstaufgaben ist seit langem anerkannt (vgl. zuletzt für das Wintersemester 1986/87 den Senatsbeschluß vom 23.11.1987 - NC 9 S 838/87 u.a. -, KMK-HSchR 1988, 372). Anzuerkennen ist auch die Kürzung um 4 SWS für die Ausübung der Funktion einer Frauenbeauftragten des Senats durch Frau Prof. Dr. H. Die Antragsgegnerin hat im Beschwerdeverfahren den Erlaß des Ministeriums vom 23.9.1991, Az. I-270.31-1/26 nachgereicht, mit dem die (erstmals mit Erlaß vom 29.8.1989 für zunächst zwei Jahre erfolgte) Ermäßigung auch für die Dauer des Studienjahres 1991/92 gewährt wurde. Dabei geht es um die Berücksichtigung der Wahrnehmung "sonstiger" Aufgaben und Funktionen in der Hochschule im Sinne von § 9 Abs. 2 LVVO (und von Nr. 4.2 Abs. 1 der KMK-Vereinbarung über die Lehrverpflichtung an Hochschulen vom 5.10.1990, NVwZ 1992, 46), die wegen § 5 Abs. 2 KapVO VI zulässig erscheint, auch wenn der Erlaß erst nach dem Berechnungsstichtag 1.1.1991 (vgl. § 5 Abs. 1 KapVO VI) ergangen ist. Da der Lehreinheit Vorklinik Lehrauftragsstunden im Sinne von § 10 Satz 1 KapVO VI nicht zur Verfügung standen und im Wege der sog. Titellehre, d.h. durch Honorarprofessoren, außerordentliche Professoren und Privatdozenten im Pflichtlehrbereich erbrachte und in entsprechender Anwendung von § 10 KapVO VI zu berücksichtigende Lehrleistungen (vgl. Senatsurteil vom 23.3.1983 - NC 9 S 952/81 u.a. -, NVwZ 1983, 621 und BVerwG, Urteil vom 23.7.1987, Buchholz 421.21 Nr. 34 S. 34) nicht ersichtlich sind, kann von einem unbereinigten Lehrangebot von 272 SWS ausgegangen werden.

5

Das unbereinigte Lehrangebot ist um die Dienstleistungen zu vermindern, die die Lehreinheit Vorklinische Medizin für ihr nicht zugeordnete Studiengänge zu erbringen hat, wobei die voraussichtlichen Zulassungszahlen für diese Studiengänge und/oder die bisherige Entwicklung der Studienanfängerzahlen zu berücksichtigen und diejenigen Curricularanteile anzuwenden sind, die für diese Studiengänge auf die Lehreinheit entfallen (§ 11 KapVO VI i.V.m. Anlage 1 Abschnitt I Nr. 2 Satz 2). Die Antragsgegnerin macht Dienstleistungen an die Studiengänge Biologie (Diplom) und Zahnmedizin geltend. Den Dienstleistungsexport für Biologie in Form des Biochemischen Praktikums für Biologen und der Vorlesung Einführung in die Biochemie für Biologen hat sie in Übereinstimmung mit der bisherigen Senatsrechtsprechung bezüglich des Praktikums unter Ansatz eines CAq von 0,2333 und einer Zahl der das Fach Biochemie als Wahlpflichtfach nachfragenden Biologiestudenten von 54 im Studienjahr, d.h. 90% der jährlichen Zulassungszahl von 60, mit 6,2991 SWS sowie bezüglich der Vorlesung mit weiteren 1,5 SWS und insgesamt mit 7,7991 SWS angenommen. Der Ermittlung des Dienstleistungsexports für den Studiengang Zahnmedizin ist ebenfalls im Anschluß an die Senatsrechtsprechung die semesterliche Zulassungszahl von 20 und der dem Beispielstudienplan der Marburger Analyse entnommene CAq von 0,8667 zugrunde gelegt, so daß sich Dienstleistungen für Zahnmedizin von 17,334 SWS ergeben. Die Summe der Dienstleistungen beläuft sich demnach auf 25,1331 SWS und das bereinigte Lehrangebot auf 246,8669 SWS.

6

Das bereinigte Lehrangebot wird zum Zwecke der Kapazitätsermittlung verdoppelt und das Produkt durch den CAp dividiert. Im Studiengang Medizin obliegt die Aufteilung des CNW auf die an der Ausbildung beteiligten Lehreinheiten dem Wissenschaftsministerium (Anlage 2 zur KapVO VI, Fußnote 2). Der normierten Zulassungszahl liegt eine Aufteilungsentscheidung zugrunde, die den CAp der Lehreinheit Vorklinische Medizin auf 1,7329 festsetzt und damit gegenüber dem für das Studienjahr 1990/91 geltenden Wert von 1,6663 um 0,0666 nach oben abweicht. Das Verwaltungsgericht hat die Erhöhung um 0,0666 mit der Erwägung verworfen, es gehe davon aus, daß sie das Praktikum Einführung in die Klinische Medizin betreffe und diese Lehrveranstaltung ebenso wie die zugehörige Vorlesung von Lehrkräften der Lehreinheit Klinische Medizin abgehalten werde. Die Antragsgegnerin hat im Beschwerdeverfahren zum Ausdruck gebracht, diese Entscheidung im Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes hinnehmen und eine Klärung erst in eventuellen Verfahren der Hauptsache herbeiführen zu wollen; denn da in das Praktikum eine Vielzahl von Lehrpersonen beider Lehreinheiten einbezogen sei, könne eine korrekte Zuordnung nur unter erheblichem Aufwand erfolgen. Angesichts dessen hat es im vorliegenden Verfahren bei der gebotenen summarischen Überprüfung anhand präsenter Beweismittel bei der Annahme des Verwaltungsgerichts zu bleiben.

7

Im übrigen bestehen gegen die Aufteilung des CNW mit einem CAp von 1,6663 für die Lehreinheit Vorklinik keine durchgreifenden rechtlichen Bedenken. Die damit erfolgte Erhöhung um 0,3667 gegenüber dem bis einschließlich zum Studienjahr 1989/90 geltenden CAp von 1,2996 (vgl. Senatsurteil vom 19.11.1984 - NC 9 S 1881/84 u.a. -, KMK-HSchR 1985, 805 und zuletzt Senatsbeschluß vom 23.11.1987, a.a.O.) folgt aus der Erhöhung des CNW für den (gesamten) Studiengang Medizin von 6,5 auf 7,27. Sie wirkt zwar kapazitätsmindernd, jedoch sind Regelungen mit kapazitätsvermindernder Tendenz nicht ausgeschlossen. Solche Regelungen bedürfen der Rechtfertigung, daß die Änderung dem Gebot erschöpfender Nutzung der vorhandenen Ausbildungskapazität nicht widerspricht. Die Erhöhung des vorklinischen CAp ist veranlaßt durch die 7. Änderungsverordnung zur Approbationsordnung für Ärzte - ÄAppO - vom 21.12.1989 (BGBl. I S. 2549), die eine Teilreform des Medizinstudiums zum Ziel hat (vgl. zur Entwicklung den Bericht von Schewen, Weniger Studienplätze in der Medizin, WissR 23, 169). Im vorklinischen Studium wirkt sie sich in der Weise aus, daß der Katalog der Pflichtlehrveranstaltungen, deren Besuch bei der Meldung zur Ärztlichen Vorprüfung nachzuweisen ist, um Seminare in den Fächern Physiologie, Biologie und Anatomie jeweils mit klinischen Bezügen sowie um Praktika zur Einführung in die Klinische Medizin (mit Patientenvorstellung) und der Berufsfelderkundung erweitert wird (Anlage 1 zur ÄAppO) mit dem Ziel, eine Verbesserung des vorklinischen Unterrichts durch verstärkten Praxis- und Patientenbezug und eine engere Verzahnung der vorklinischen mit der klinischen Ausbildung zu erreichen. Damit reagierte der Verordnungsgeber der Approbationsordnung für Ärzte auf die in Fachkreisen seit langem geübte Kritik an der deutschen Medizinerausbildung und auf die Entschließung des Bundesrats vom 5.11.1986, unter anderem für die Verbesserung des vorklinischen Unterrichts auf der Grundlage insbesondere der Vorschläge des Medizinischen Fakultätentages und für eine engere Verzahnung von klinischen und vorklinischen Unterrichtsinhalten zu sorgen und eine entsprechende Novelle zur Approbationsordnung vorzulegen (BR-Ds. 372/86, S. 55). In dem vom Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit angeforderten Gutachten der Infratest Gesundheitsforschung "Untersuchung über die Anforderungen an eine ordnungsgemäße ärztliche Ausbildung und über die tatsächliche Situation in der ärztlichen Ausbildung" aus dem Jahr 1987 wurden Ausbildungsmängel festgestellt, die primär auf die hohe Zahl von Medizinstudenten zurückgeführt wurden: Insbesondere fehle es an ausreichender patientennaher Ausbildung, die Gruppengrößen der Kurse und Praktika seien zu groß, die Zeit für die Lehrveranstaltungen zu knapp und die Betreuungsrelationen ungenügend (vgl. Schewen, a.a.O. S. 170). Hieraus hat der Wissenschaftsrat in seinen "Empfehlungen zur Verbesserung der Ausbildungsqualität in der Medizin" vom 12.12.1988 abgeleitet, daß unter den gegebenen Umständen die gesetzlichen Anforderungen an die Qualität der medizinischen Ausbildung nicht mehr erfüllt werden könnten, und empfohlen, die Zahl der Studienanfänger zu reduzieren, als Sofortmaßnahme die Kapazitätsverordnungen entsprechend zu ändern und die Gruppengrößen im vorklinischen und klinischen Studienabschnitt zu vermindern mit dem Ziel, für alle Studierenden die Durchführung von Praktikumsversuchen und die Untersuchung von Patienten in ausreichendem Umfang zu ermöglichen (Begründung des Entwurfs der 7. Änderungsverordnung zur ÄAppO, BR-Ds. 632/89, S. 26 f.). Der Medizinische Fakultätentag hat die Einführung von Pflichtseminaren vorgeschlagen, um einen vertiefenden, praxisbezogenen Unterricht zu bieten und bei den Studierenden das Verständnis für die Zusammenhänge in der Medizin und für die Bezüge zwischen vorklinischem und klinischem Ausbildungsstoff zu fördern (a.a.O., S. 28). Diese und andere, auf die Ausbildung im klinischen Studienabschnitt gerichteten Reformvorschläge und solche, die eine vollständige Neuorientierung und Neuformierung des Medizinstudiums fordern, enthalten durchweg die Feststellung, daß ohne eine Herabsetzung der Zahl der Studienanfänger notwendige Verbesserungen nicht zu realisieren sind. Der Verordnungsgeber hat sich die Einschätzung zu eigen gemacht, daß das Medizinstudium Mängel aufwies, die Sofortmaßnahmen erforderten, um die notwendigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine ordnungsgemäße Durchführung der ärztlichen Ausbildung zu schaffen (a.a.O., S. 28 f.). Er hat einen Schwerpunkt der Mängelkritik aufgenommen und bei der Abhilfe insbesondere auf die Einführung von Pflichtlehrveranstaltungen mit hoher Betreuungsintensität gesetzt, wobei er sich über die negativen Auswirkungen auf die Kapazität im klaren war.

8

Die Erhöhung des CAp stellt sich angesichts dessen als der kapazitär unumgängliche Nachvollzug der Ausbildungsreform und als eine rechtlich unabweisbare Folge der Erhöhung der Lehrnachfrage dar. Sie erscheint als unbedingt erforderliche Maßnahme zur Gewährleistung der Funktionsfähigkeit der Hochschulen in Wahrnehmung ihrer Aufgaben in der Lehre, einem überragend wichtigen Gemeinschaftsgut (BVerfGE 33, 303, 338 ff.; 66, 155, 179), auch bei eintretenden Kapazitätseinbußen grundsätzlich verfassungsrechtlich zulässig.

9

Die im neuen ZVS-Beispielstudienplan (Vorlage vom 8.2.1990 zur 98. Sitzung des Verwaltungsausschusses der ZVS, Anlage 1) erfolgte und vom Wissenschaftsministerium seiner Aufteilungsentscheidung im vorliegenden Studiengang zugrunde gelegte (vgl. Kapazitätserlaß 1990/91 vom 21.2.1990, Az. I-635.31/261/SV und Schreiben an das Verwaltungsgericht vom 18.9.1990, Az. I-635.1/398) Quantifizierung der neuen Lehrveranstaltungen in Curricularanteilen ist bei summarischer Betrachtung nicht zu beanstanden. Sie baut auf dem ZVS-Beispielstudienplan vom 7.11.1975 auf, der als Grundlage für die Aufteilung des CNW im Sinne einer Leitlinie für eine noch als angemessen anzusehende, den Ausbildungsanforderungen Rechnung tragende Lehrnachfrage höchstrichterlich anerkannt ist (z.B. BVerwG, Beschluß vom 29.6.1988, Buchholz 421.21 Nr. 38 S. 60), und ergänzt ihn systemgerecht um die nach der Formel v x f : g errechneten Curricularanteile derjenigen Pflichtlehrveranstaltungen, die durch die 7. Änderungsverordnung vom 21.12.1989 neu eingeführt worden sind. Die Curricularanteile der neu eingeführten Seminare in Physiologie, Biochemie und Anatomie, errechnet mit insgesamt 0,4000, sind entgegen der Auffassung des Verwaltungsgerichts nicht im Verhältnis 12:14 auf 0,3428 zu verringern. Die hierfür zugrunde gelegte Argumentation, der ZVS-Beispielstudienplan sehe für die nach der Approbationsordnung auf 96 Stunden festgesetzten Seminare eine Wochenstundenzahl von 8 vor und gehe daher von einer durchschnittlichen Semesterdauer von 12 Wochen aus, während diese tatsächlich 14 Wochen lang sei, läßt unberücksichtigt, daß die 96 SWS die ausbildungsrechtlich vorgeschriebene Mindestzeit darstellen, d.h. dem reinen Unterricht vorbehalten sind und daher die erforderlichen Zeiten organisatorischer Vor- und Nachbereitung und für Leistungskontrollen nicht enthalten, so daß zu Beginn und zum Ende der Vorlesungszeit je eine Woche freizuhalten sind (so BayVGH, Beschluß vom 18.9.1991, KMK-HSchR/NF 41 C Nr. 3; OVG Lüneburg, Beschluß vom 12.11.1991 - 10 N 5209/91 u.a. -; HessVGH, Beschluß vom 10.8.1992 - Fa 11 G 117/91 T -); auch darf der Nachweis der Mindeststundenzahl nicht durch Fehlzeiten wie Feiertage, Erkrankungen von Dozenten und Studenten u.ä. gefährdet werden (HessVGH, a.a.O.). Bei dieser Sichtweise ist der Grundsatz der Systemgerechtigkeit nicht verletzt, der es nach der Rechtsprechung des Senats aus Gründen der Bilanzierungssymmetrie gebietet, auf der Lehrnachfrageseite ebenso von einer Vorlesungszeit von 14 Wochen auszugehen, wie es bei den für das Lehrangebot maßgeblichen dienstrechtlichen Regellehrverpflichtungen geschehen ist (Vorlagebeschluß des Senats vom 17.12.1979 - IX 1236/78 -, KMK-HSchR 1980, 531; Senatsurteil vom 23.5.1983 - NC 9 S 152/81 -, NVwZ 1983, 621).

10

Keine durchgreifenden Zweifel bestehen auch an der bei den Seminaren angesetzten Gruppengröße g = 20. Sie ist in § 2 Abs. 3 Satz 4 ÄAppO n.F. vorgegeben; danach darf die Zahl der jeweils an einem Seminar teilnehmenden Studierenden 20 nicht überschreiten. Der hiergegen erhobene Einwand, die Bestimmung der Gruppengröße sei eine studienordnende Regelung, für die dem Bund die Normsetzungskompetenz fehle, überzeugt nicht. Die Kompetenz für ausbildungs- und prüfungsrechtliche Regelungen im Rahmen der ärztlichen Approbation als Voraussetzung der Zulassung zu ärztlichen Heilberufen gehört nach Art. 74 Nr. 19 GG zur konkurrierenden Gesetzgebungszuständigkeit des Bundes (BVerwG, Urteil vom 21.11.1980, BVerwGE 61, 169, 174 f.). Um eine solche ausbildungsrechtliche Vorschrift dürfte es sich bei § 2 Abs. 3 Satz 4 ÄAppO n.F. handeln (ebenso: OVG Lüneburg a.a.O.; HessVGH, a.a.O.). Denn mit ihr sollen zur alsbaldigen Behebung von seit langem beobachteten Mängeln des Medizinstudiums eine weitere Konkretisierung der Anforderungen an den Unterricht und damit die notwendigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für eine ordnungsgemäße Durchführung der ärztlichen Ausbildung geschaffen werden, indem der vorklinische Unterricht intensiviert wird (BR-Ds. 632/89, S. 28 f. und S. 30). Zu diesen Mängeln zählt der Verordnungsgeber die bis dahin nicht ausreichende Möglichkeit für Studierende zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Ausbildungsstoff und seinen Problemen, zum Erkennen von Zusammenhängen, zum praxis- und patientenorientierten Lernen und zur Erfassung der Bedeutung des vorklinischen Ausbildungsstoffs für die klinische Ausbildung unter Führung eines erfahrenen Hochschullehrers sowie in der Fähigkeit zur Gesprächsführung insbesondere auch bei Gesprächen mit Patienten; solche Defizite könnten nur durch einen Seminarunterricht in kleinen Gruppen beseitigt werden (a.a.O. S. 37 f.). § 2 Abs. 3 Satz 4 ÄAppO n.F. erscheint somit als berufsspezifische Ausbildungsnorm, die den Rahmen des Spezifisch-Erforderlichen nicht verläßt, indem sie speziell der Sicherstellung der Fähigkeiten für die Berufsausübung als Arzt dient, und die daher noch in die Kompetenz des Bundes fällt, auch wenn sie Auswirkungen auf die Gestaltung der Lehre an den Hochschulen hat (vgl. dazu Lerche, DÖV 1981, 609, 614). Die Aufnahme der Gruppengröße g = 20 in den ZVS-Beispielstudienplan zur Begründung des Teil-CNW für das vorklinische Medizinstudium hält sich demgemäß zu Recht an die ausbildungsrechtliche Vorgabe.

11

Ebenfalls nicht zu beanstanden ist die Quantifizierung des Lehraufwands für die neuen Seminare mit dem Anrechnungsfaktor f = 1,0. Die Seminare entsprechen aus dem Katalog der Lehrveranstaltungsarten in Anlage 2 zur KapVO III (vom 31.1.1977, GBl. S. 64) der Lehrveranstaltungsart B mit der Beschreibung: Durcharbeitung von Lehrstoffen, Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, Schulung in der Fachmethodik; Lehrender leitet die Veranstaltung, stellt Aufgaben, kontrolliert die Tätigkeit der Studenten, leitet die Diskussion; Studenten üben Fertigkeiten und Methoden, erarbeiten Beiträge, tragen die Beiträge vor, diskutieren, lösen Übungsaufgaben. Als Beispiele sind unter k = 4 genannt u.a. Übung in Natur- und Ingenieurwissenschaften, Seminar. Angesichts der bereits genannten Zielsetzung der neuen Seminare und ihrer Bedeutung für die Verbesserung des vorklinischen Unterrichts erscheint ihre Eingruppierung in die Lehrveranstaltungsart B (k = 4) mit hohen Anforderungen an den Vor- und Nachbereitungsaufwand des Lehrenden als angemessen (vgl. auch BayVGH, a.a.O.; OVG Lüneburg, a.a.O.; HessVGH, a.a.O.).

12

Somit errechnet sich eine Jahresaufnahmekapazität von (246,8669 x 2 : 1,6663 =) 296,3055, abgerundet 296 Studienplätzen, die wegen der Auffüllungsverpflichtung nach § 4 ZZVO 1991/92, von deren regelmäßiger Erfüllung wie schon in der Vergangenheit ausgegangen werden kann, nicht um einen Schwundzuschlag zu erhöhen ist.

13

Ob das Verwaltungsgericht die Studienplatzzuweisungen zu Recht auf den vorklinischen Studienabschnitt beschränkt hat, bedarf keiner Entscheidung, da der Antragsteller/die Antragstellerin die erstinstanzliche Entscheidung hingenommen hat. Von den zusätzlichen 11 vorklinischen Studienplätzen hat das Verwaltungsgericht 9 an die im Sammelrubrum genannten Antragsteller und je einen weiteren an den Antragsteller des Beschwerdeverfahrens NC 9 S 25/92 und die Antragstellerin des Beschwerdeverfahrens NC 9 S 28/92 kapazitätsdeckend vergeben.

 


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